Schlagwort-Archiv: Bibel

Ich tat nichts – das Wort tat alles

Das neue Jahr steht ganz im Zeichen von 500 Jahren Reformation. Kirche, Politik und Gesellschaft erinnern mit verschiedenen Ausstellungen, Konzerten und Gottesdiensten an den Thesenanschlag in Wittenberg. In dem umfangreichen Veranstaltungskalender des Jubiläumsjahres mag manch wertvoller Beitrag hinsichtlich dieses historischen Ereignisses zu finden sein. Doch es fällt auf, dass das wesentliche Anliegen der Reformatoren heute leider kaum noch berücksichtigt wird. Ihnen ging es in erster Linie doch nicht um politische oder gesellschaftliche Veränderungen, sondern um einen geistlichen Aufbruch zurück zum Wort Gottes. Denn als Martin Luther die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, gab es in Europa kaum noch Prediger des wahren Evangeliums. Die Kanzel war von der römisch-katholischen Kirche zur Nebensache degradiert worden. An erster Stelle standen die heilige Messe, Rituale und Zeremonien. Auslegende Predigten von biblischen Texten waren dagegen völlig verloren gegangen. In den Gottesdiensten gab es kurze lateinische Ansprachen, die die Mehrheit der Besucher nicht verstehen konnte. Martin Luther klagte: „Gottes Wort wurde zum Schweigen gebracht, nur noch das Lesen und Singen ist der Kirche geblieben. Dies ist der schlimmste Missstand. … Ein Wust an unchristlichen Fabeln und Lügen, Legenden und Hymnen wurde eingeführt, sodass es mir graust.“[1] Dies war der düstere Zustand der damaligen Kirche.

Die Wiederbelebung der Predigt tut not

Das erinnert uns an die heutige Zeit. Auf vielen Kanzeln unseres Landes ist das Wort Gottes erneut zur Nebensache geworden. Statt es glaubensfördernd zu predigen, wird es infrage gestellt. Oft wird es von Anekdoten, Gedichten und Liedtexten derart an den Rand gedrängt, dass es kaum noch Beachtung findet. Die Bibel wird als ein gewöhnliches Buch unter vielen betrachtet, aber selten als die Stimme des lebendigen Gottes. Diese Entwicklung ist tragisch. Die Folge davon ist, dass die Menschen sich vom Herrn abwenden und von Ihm und Seinen guten Geboten nichts mehr wissen. Es bricht uns das Herz, diese geistliche Entwicklung in Deutschland zu sehen und zugleich zu wissen, dass unser Land ohne Jesus Christus verlorengeht. Aber woher sollen die Menschen denn von dem Sohn Gottes wissen, wenn niemand da ist, der ihnen von Ihm erzählt? „Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?“ (Römer 10,14). 500 Jahre nach der Reformation brauchen wir dringender als je zuvor eine Wiederbelebung der Verkündigung, denn der Glaube kommt aus der Predigt, „die Predigt aber durch die Verkündigung des Wortes Gottes“ (Römer 10,17).

Dieses Anliegen brennt uns als Arche auch für das neue Jahr auf dem Herzen. Mit Gottes Hilfe möchten wir weiter „das Wort predigen“ – nicht nur in Kirchengebäuden, sondern auch im Fernsehen und im Internet. TV-Geräte, Laptops und Smartphones sind die Marktplätze von heute, auf denen die Menschen viel Zeit verbringen. Dort, wo sie sind, wollen wir sie mit dem Evangelium erreichen und auch in 2017 an diese modernen Hecken und Zäune gehen und das Wort Gottes predigen.

Inhalt der Predigt muss die Bibel sein

Die Reformation war also zuallererst eine Wiederbelebung der Verkündigung. Doch wir müssen beachten, dass es sich dabei nicht einfach um einen größeren Redeanteil des Pastors im Gottesdienst handelte. Entscheidend war der Inhalt der Predigt. Diesen bezogen die Reformatoren aus der Bibel. John Brodarus, ein Professor des 19. Jahrhunderts, schrieb dazu: „Anstatt lange und oft fabelhafte Erzählungen von Heiligen und Märtyrern, Wundern, Passagen aus philosophischen Werken … predigten diese Männer die Bibel.“[2] Sie liebten ihre Bibel. Sie vertieften sich im persönlichen Studium immer weiter in sie hinein. Auf der Kanzel dann schlugen sie das Wort Gottes auf und ließen die Texte der Heiligen Schrift sprechen. Sie erklärten, legten aus und proklamierten die Wahrheiten Gottes. Dabei erlebten sie, wie das Wort Gottes „lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ ist und bis in das Innerste hineindringt (Hebräer 4,12).

Sie predigten, wie auch Petrus es tat. Seine Pfingstpredigt zum Beispiel war ganz und gar von der Bibel durchtränkt. Immer und immer wieder nahm er Bezug auf biblische Texte. Er zitierte zum Beispiel aus Joel 3, aus Psalm 16 und Psalm 110. Das Wort Gottes war Grundlage seiner Rede. Seine Predigt war expositorisch, d. h. er legte die Schrift aus. Er stand nicht auf und tat seine persönliche Meinung über gesellschaftliche Entwicklungen kund. Er wollte auch nicht seinen Zuhörern gefallen. Er redete ihnen nicht nach dem Mund, sondern führte sie direkt und ohne Umwege zu Gottes Wort. Dabei nahm er kein Blatt vor den Mund, sondern konfrontierte sie mit ihrer großen Schuld vor Gott. Er zeigte ihnen auf, dass sie alle am Tod Jesu Christi schuldig geworden waren. Aber dann rief er ihnen zu, dass jeder, der den Namen des Herrn Jesus anruft, errettet wird (Apostelgeschichte 2,21-22). Als die Zuhörer das hörten, „drang es ihnen durchs Herz“ (Vers 37). Und nachdem sie Buße getan hatten und sich hatten taufen lassen, wurden 3000 Menschen der Gemeinde hinzugetan (Verse 38-41).

Liebe Freunde der Arche, lasst uns nicht das Vertrauen in die Kraft des Wortes verlieren. Die Bibel ist und die Bibel bleibt Grundlage erwecklicher Predigt. Dies war bei den Aposteln so und dies war auch das Erkennungszeichen der Reformation. Möge die Hingabe zur Bibel unsere Herzen neu entfachen, damit ihr Evangelium noch viele Herzen erreicht und errettet!

Nicht aus Werken, sondern aus Gnade

Mit dem Eifer für das Wort Gottes stellte sich auch eine Wiederentdeckung der Gnadenlehren ein. Die Lehre von der göttlichen Souveränität bei der Erlösung eines Menschen war damals vollkommen verschwunden. Sie wurde durch die falsche Lehre von der Gerechtigkeit aus Werken ersetzt, was die Menschen furchtbar knechtete. Als man aber wieder die biblische Gnadenlehre erfasste, wurde sie von allen Reformatoren verkündigt und so zu einem Leitspruch der Reformbewegung: Sola Gratia – aus Gnade allein!

Martin Luther wäre zuvor ja beinahe an der Gerechtigkeit Gottes verzweifelt – bis er schließlich erkannte, dass er mit seinen noch so gut gemeinten Werken vor Gott nicht bestehen konnte. Als er auf der einen Seite seine Unzulänglichkeit und auf der anderen Seite Gottes Heiligkeit sah, schrieb er: „Ich liebte Ihn nicht, nein! Ich hasste Ihn, den gerechten Gott, der Sünder bestraft.“[3] In seiner Seele tobte ein Kampf, bis das göttliche Licht sein verdunkeltes Herz erleuchtete. Er las zum wiederholten Mal Römer 1, 17, wo es heißt: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Luther verstand plötzlich, dass allein der Glaube rettet, der einem verlorenen Sünder geschenkt wird. Er schrieb Folgendes: „Durch die Gnade Gottes habe ich, während ich Tag und Nacht darüber nachsann, endlich den Kontext dieser Worte betrachtet, der da lautet: ‚Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.‘ Da begann ich plötzlich zu begreifen, dass die Gerechtigkeit Gottes darin besteht, dass der Gerechte durch ein Geschenk Gottes lebt, nämlich allein durch den Glauben. … Da fühlte ich mich plötzlich wie neugeboren, und es war mir, als ob ich das Paradies durch geöffnete Türen betreten hatte.“[4]
Vor 500 Jahren breitete sich die protestantische Bewegung über Europa aus. Heute, ein halbes Jahrtausend später, brauchen wir eine erneute Reformation. Wir benötigen eine geistliche Erweckung, die uns zurück zum Wort Gottes führt, der Predigt einen neuen Stellenwert verleiht und die Lehren der Gnade wiederentdeckt. Unser Wunsch und ernstes Gebet ist es, dass Gott auch die Arbeit der Arche benutzen möge, um einen kleinen Beitrag zu einer geistlichen Erneuerung in Deutschland und darüber hinaus zu leisten.

 Das Wort tat alles

Das Wort Gottes hat nicht nur Kraft, ganze Länder und Kontinente zu verändern, sondern auch unser persönliches Leben. Zu Beginn des neuen Jahres möchte ich alle Leser ermutigen, dem Herrn und Seinem Wort zu vertrauen. Auch wenn wir nicht wissen, wie das Jahr verlaufen wird, bleibt Gott dennoch derselbe. Er wird auch Euch in 2017 Kraft und Stärke durch Sein Wort schenken, denn „dein Wort ward meine Speise, sooft ich’s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, Herr, Gott Zebaoth“ (Jeremia 15,16).

Rückblickend auf sein Leben und Dienst sagte Martin Luther dies: „Ich habe schlichtweg Gottes Wort gelehrt, gepredigt und aufgeschrieben; sonst habe ich nichts getan. Und während ich schlief, nahm das Wort dem Papsttum alle Macht, wie es noch kein Prinz oder Befehlshaber je zuvor geschafft hat. Ich tat also nichts; das Wort tat alles.“[5] Das Wort tat alles. So möge es sein und so wird es sein!

Christian Wegert

Dieser Artikel ist in der Januar Ausgabe 2017 der Taube (kann hier kostenlos bestellt werden), dem monatlichen Nachrichtenblatt der Arche, erschienen.

[1] Steven J. Lawson, „Der standhafte Prediger Martin Luther“, 2014, 3L-Verlag, Seite 45.;
[2] Ebda. Seite 13.; [3] Ebda. Seite 30.; [4] Ebda. Seite 31. [5] Ebda. Seite 36.